Mein „Strolz“ und ich -die Geschichte eines langen gemeinsamen Weges

Alles hatte eigentlich ganz vielversprechend begonnen:

Ich hatte mir in Hamburg ein paar neue Skischuhe gekauft, bevor die aktuelle Ski-Saison ihren Anfang nehmen sollte , und ich hatte den Kauf sorgfältig vorbereitet!
Nach den schmerzhaften Erfahrungen früherer Jahre (irgendwo drückte und scheuerte es eigentlich immer – nicht zuletzt aufgrund der  Brandverletzungen beider Füße in meinem 5 Lebenjahr!) hatte ich mich diesmal beraten lassen –wer mich kennt, weiß , dass mir dies nicht leicht gefallen war, denn  ich kenne kaum jemand, der so beratungsresistent sein kann wie ich….

Peter K, langjähriger Tenniskumpel und Inhaber eines Sportgeschäftes im Herzen von Altona wusste Rat: „Nimm den „Wexx?xxx“-Schuh (die Marke ist längst vom Markt!) – das ist der Schuh für Problemfüße.“

Und er hatte recht – wer vorher keine Probleme mit den Füßen hatte –hinterher hatte er sie mit einiger Sicherheit!

Auffälliges Merkmal dieser Schuhe war der „Zentralverschluss“ auf der Vorderseite, der den der Fuß von allen Seiten ohne Rücksicht auf die individuellen anatomischen Gegebenheiten zusammenpresste, bis das letzte Leben im Fuß zu erlöschen schien.

Ich erinnere mich noch sehr lebhaft an jene denkwürdige Fahrt in der Gornergrat-Bahn in Zermatt: Kaum hatte ich einen Sitzplatz gefunden, kam der ersehnte Griff zum Zentralverschluss, und ein erleichtertes Seufzen zeugte zugleich von Erleichterung und Entspannung – aber nicht nur  meiner Seite, sondern auch von schräg gegenüber!

Dort saß eine Leidensgenossin, die -wie ich- nichts Eiligeres zu tun hatte, als den Zentralverschluss zu öffnen und ihrem Fuß die langersehnte Freiheit zurückzugeben. Ein wissendes Lächeln – und beide wussten Bescheid. Druckstellen und wundgescheuerte Fersen – das alles hinterließ eine nachhaltige Erinnerung an die wohlmeinende Empfehlung meines Hamburger „Beraters“. (Zu seiner Ehrenrettung sei gesagt: nach meiner Rückkehr wurde der Schuh beim Kauf eines Tennisschlägers zu einem fairen Preis in Zahlung genommen ….offenbar war das Problem mittlerweile  bekannt.)

Aber die Hoffnung stirbt zuletzt, und so biss ich zunächst einmal die Zähne zusammen und fuhr weiter. Der Hoffnungsschimmer erschien tatsächlich einige Tage später, als ein anderer Hamburger Tenniskollege uns bei der Mittagspause auf einer sonnigen Terrasse im Sunnegga-Gebiet entdeckte und sich über meine vom Schuh befreiten Füße amüsierte! „ Ärger mit dem Schuh -das kenn ich. Aber wozu bist Du den zuweilen in Lech? Dort gibt es  Schuhe, die passen sogar Dir, weil sie auf Maß produziert werden – mit einem geschäumten Innenschuh, den Du gar nicht mehr ausziehen willst!“

Mein zaghafter Hinweis auf den vermuteten Preis solcher exklusiven Ob jekte wischte er mit einer großzügigen Bemerkung vom Tisch: „Du bist doch Ökonom und weißt, was eine langfristige Investition ist – und ich versprech Dir, dieser Schuh kostet zwar fast das Doppelte eines jener Massen-Produkte, aber Du fährst ihn mehr als dreimal so lange….und du fährst besser!

Ein zaghafter Hinweis auf den bekannten Widerstreit zwischen Rentabilität und Liquidität sollte wenigstens als Nachweis meiner betriebwirtschaftlichen Grundbildung dienen ….aber der Hinweis auf dieses „besserentzog das Ganze jedem rationalen Kalkül. Es gibt eben Dinge, die lassen sich nicht bewerten…..die menschliche Eitelkeit gehört bekanntlich dazu!

Kurz und gut: Im nächsten Winter wurde geschäumt!  Dabei hatte ich nicht die geringste Vorstellung davon, was auf mich zu kam –den meisten Zeitgenossen wird es bis heute ähnlich ergangen sein- , und welche lange technische und handwerkliche Entwicklung mit Ideenreichtum und Erfahrung vorausgegangen waren, bis die roten oder schwarzen schnallenbewehrten „Bindeglieder zwischen Mensch und Ski“ zu ihrer heutigen Gestalt herangereift waren. Wie auch immer: Ich wollte eines dieser angeblichen Wunderwerke….

Einige  frühen Meisterwerke der orthopädischen Schuhmacherei wurden gerade in diesem Jahr einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht, als im Schaufenster des Lecher Stammhauses eine Ausstellung früher Exemplare der Lecher Schuhmacherkunst präsentiert wurde. Manch einer der älteren Stammgäste wird sich   angesichts dieser Ausstellung an seine ersten Ski-Erfahrungen erinnert haben. Mir selbst kam die Erinnerung an eine frühe Kombination aus Ski (ohne Sicherheitsbindung!) und geschnürtem Leder-Skischuh, die sich bei einem Sturz (am Kranzberg in Mittenwald – es muss 1964 gewesen sein) gemeinsam von meinem Fuß verabschiedet hatte. Das war zwar ursprünglich anders geplant gewesen, erwies sich aber im vorliegenden Fall als segensreich, den abgesehen von einem durchnässten Fuß war mir nichts geschehen…

Begonnen hatte der Weg zum „Strolz“ in seiner heutigen Form schon in der Frühzeit des alpinen Skilaufs: Im Jahr 1921 hatte Ambros Strolz in Lech eine Schuhmacherwerkstatt eröffnet

und fertigt in Handarbeit Skischuhe aus Leder für die noch nicht so zahlreichen Skifahrer, die er mit geeignetem Schuhwerk versorgen wollte. Sein damaliger Qualitäts-Anspruch prägt wohl noch heute die Arbeit des Unternehmens: Skischuhe auf höchstem handwerklichem Niveau und aus bestem Material für anspruchsvolle Kunden individuell und in Handarbeit anzufertigen

Ambros Strotz war offenbar schon frühzeitig klar geworden, dass die Verbindung zwischen Mensch und Ski bei fortschreitender Technik des alpinen Skilauf eine besondere Rolle spielen würde.

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Martin Strolz, dem Sohn, gelang in späteren Jahren rechtzeitig der Schritt in die Zukunft: die ersten Kunststoff-Skischuhe wurden im Hause Strolz eingeführt.

Das legendäre Modell „Competition“ kam Ende der 60er Jahre auf den Markt. Zunächst wurde mit plastifiziertem Leder und zugelieferten Materialien experimentiert,aber bald besann man sich auf seine eigenen Fähigkeiten und nahm die Produktion der Kunststoffschalen in eigene Hände.

Aber zurück in die Mitte der Achtziger:

Gleich nach der Ankunft in Lech -ein  Jahr nach jenem denkwürdigen und schmerzgeplagten Zermatt-Urlaub-  wurde maßgenommen, althergebrachte Druckstellen und anatomische Besonderheiten der Füße wurden erkundet ..-eine gute Stunde lang, und eine passende Aussenschale wurde dann über Nacht aus dem Lager geholt, über spezielle Holzleisten angepasst, und dann am nächsten Tag nach sorgfältiger Vorbereitung kam es schließlich zur feierlichen Handlung: in leichter Hockstellung eine gute halbe Stunde lang –gestärkt von Obstler, Espresso oder Kaffee- wurden größere Mengen an Polyurethan-Schaum (oder wie das Zeug auch immer heißen mag!) über lange Schläuche in den Innenschuh gepresst, und je nach Einschätzung des eigenen Fahrvermögens -begleitet von  fachkundiger Beratung- ein individueller “Strolz“ . Die äußere Gestalt dieser Schuhe wechselte zwar im Lauf der Jahre: 4 Schnallen, 5 Schnallen und in Ausnahmfällen auch 6 Schnallen –der Kenner konnte in den Folgejahren leicht an Farbe, Form und Schnallenzahl den Jahrgang identifizieren.

Der erste Tag mit dem neuen Schuh brachte nach gründlichem Aushärten des Schaums für einen Moment die angstvolle Erinnerung an die Gornergrat-Bahn zurück, als die Schnallen sich um den Fuß schlossen – kraftvoll, aber dosiert an den richtigen Stellen! Und wahrhaftig: Die Druckstellen des vergangenen Jahres waren verheilt und vergessen, und was folgte, war ein unbeschwerter Skitag ohne Blasen an den Fersen, Falten im Strumpf und all derlei Widerwärtigkeiten….so wie ich ihn lange nicht mehr erlebt hatte!

Und das Schönste: Es war schon kurz vor Mitternacht, als mir plötzlich in irgendeiner der üblichen Glühweinstuben in fröhlicher Runde bewusst wurde, dass ich ja seit dem Vormittag Skischuhe an den Füßen hatte – ich hatte es wirklich vergessen! Die Dinger waren einfach bequem, und erst auf dem nächtlichen Heimweg (wohin weiß ich heute beim besten Willen nicht mehr!) wurde mir klar, dass ich da ein wenig mehr an Gewicht zu bewegen hatte, aber sonst nichts!

Und hinter mir lag immerhin ein Tag mit Rüfikopf, Hexenboden, 2 Trittkopf-Touren, 1x Zürser-Täli und dann am frühen Abend das Madloch –ob ich wirklich besser gefahren bin mit meinen neuen „Strolz“, mögen andere beurteilen. Bereut hab ich den Entschluss jedenfalls nie, und als nach zwei oder drei Tagen irgendwo ein leichter Druck zu spüren war – ein kurzer Besuch im Schuhkeller, einige gezielte Korrekturen mit Heissluft und diversen geheimnisvollen Geräten- und schon stimmte das Ganze wieder.

Viele Jahre folgten – meine Familie tat es mir nach und nach gleich, und die Trennung von meinem ersten “Strolz“ vollzog sich schleichend: Hier mal eine Reparatur, da mal eine neue Schnalle oder neue Absätze – na ja, irgendwann war dann alles ausgetauscht, was ausgetauscht werden konnte (zuweilen sogar unentgeltlich oder für ein Trinkgeld) , und es war Zeit für das nächste Modell!

Der Abschied von meinem ersten Exemplar vollzog sich  heimlich: Am letzten Abend meines damaligen Saison- Aufenthalts vergrub ich ihn spät abends tief im Schnee vor unserem unvergessenen „Astoria“ in Oberlech, und es dauerte bis in den Mai hinein, bis das Tauwetter ihn zutage gefördert hatte. Ein empörtes Fax aus Oberlech berichtete wenig später vom Fund des „Oberlecher Ötzi“, der offenbar sogar schon „Strolz-Schuhe“ besessen haben musste. Als „Übeltäter“ war ich schnell ausgemacht, und so hat mein „Strolz“ dann eine würdige Ruhestätte gefunden –da, wo ich ihn so oft vom Schnee des Tages befreit hatte, bevor es in den Skikeller und in die Gaststube ging….

Sein Nachfolger hat mich ähnlich lange begleitet –unterstützt von einem neuen Innenschuh ungefähr bei „Halbzeit“ – die Aussenschale war noch so stabil und gutaussehend gewesen, dass man in der Strolzschen Schuhwerkstatt meine eher scherzhafte Frage nach einem neuen Innenschuh wie selbstverständlich mit „Ja,warum denn net?“ beantwortete. Und so geschah es denn auch, und jedes Jahr wurde der Plan nach einem neuen Schuh aufs nächste Jahr verschoben. Hier mal eine neue Schnalle, da mal ein paar Absätze – bis zum Februar 2018!  Es ging dann einfach nicht mehr – der linke Schuh brachte zwar immer noch eine ordentlich Führung auf den Ski, aber rechts ging gar nichts mehr!

Am letzten Tag des diesjährigen Februar-Aufenthalts (wir schreiben das Jahr 2018) war die Entscheidung gefallen: Trotz der Hoffnung, noch ein oder zwei Mal in dieser Saison (wenn auch dann mit geliehenen Schuhen) auf Ski zu steigen, nahm ich ihn mit nach Hause nach Hamburg– sozusagen ein Abschied auf Raten!

Ein letztes Foto – und am nächsten Morgen, als die Hamburger Müllabfuhr so gegen 6 Uhr  unsere häusliche Tonne geleert hatte, war eine Epoche zu Ende!

Ob es einen Nachfolger geben wird? Wer weiß…..aber Edith Piaf hatte jedenfalls recht: Je ne regrette riens….ich hab den Kauf wirklich nie bereut, und nach dem vergangenen Wochenende mit Leih-Schuhen bin ich mir gar nicht so sicher, ob es nicht doch noch einmal einen Nachfolger geben wird…..trotz fortgeschrittenen Lebensalters (oder vielleicht gerade deshalb!?)

Ekki Bechler
Hamburg, den 18.4.2018

 

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