Notfallpläne

Ich gebe zu: Meine letzten Kommentare zur Bedeutung von Hubschraubern im Umfeld des alpinen Skilaufs waren ein wenig „oberflächlich“ und unvollständig!
Einen ganz interessanten  Aspekt habe ich nämlich schlicht und einfach vergessen, obwohl er zuweilen von geradezu „dramatischen“ Auswirkungen begleitet sein kann:
Lech/Zürs von der Aussenwelt abgeschnitten.
 In der Tat gibt es bis zum heutigen Tag jene -wenn auch nicht mehr all zu häufigen – Situationen, in denen vor allem Zürs und Lech, zuweilen aber auch Stuben und St.Christoph von der Außenwelt abgeschnitten sind, weil unerwartet heftiger Schneefall die Zufahrtsstraßen unpassierbar gemacht hat.
Da sind es dann in der Vergangenheit weniger die Schneemassen auf der Fahrbahn gewesen –die sind in der Gegenwart mit modernen Geräten, Schneefräsen oder Schneepflügen in der Regel schnell weggeräumt, und mehr als ein vorübergehendes Steckenbleiben drohte im ungünstigsten Fall sowieso nicht. Mit ein paar Schaufeln und freundlichen Helfern war so ein Missgeschick meist schnell behoben.
Problematischer sind da schon eher Gefahren, die „von oben“ drohen:
Alteingesessene Gäste werden sich zum Beispiel an die gigantische Lawine erinnern, die vor einigen Jahren den großen Parkplatz in Stuben und einige Teile des Ortes samt Kirche„zugeschüttet“ hat. Vor solchen Gefahren vor allem auf den Straßen zu den Skigebieten schützt trotz aller baulichen Vorkehrungen oft nur eine konsequente Straßensperre – zwischen Lech und Zürs, rauf zum Flexen und runter nach Stuben (und umgekehrt) geht dann mal eine Zeit lang nichts! Und rund um St.Christoph sieht es nicht anders aus. Auch St.Anton war am Ortsausgang Richtung Pettneu vor Jahren von einer Lawine unvorstellbarer Dimension betroffen
Wer drin ist, ist drin, und wer draußen ist, bleibt draußen…..das war immer so und konnte auch so bleiben….und allenfalls für vereinzelte bedrohliche Notfälle gab es ja seit einigen Jahrzehnten Wuchers Hubschrauber. Weder an Verpflegung und schon gar nicht an Getränken hat es in solchen Zeiten jemals gefehlt – ich kann`s bezeugen!
Meist gehört dieser Zustand ja ohnehin nach wenigen Stunden der Vergangenheit an, und manche haben es gar nicht bemerkt, wenn sie den Tag auf der Loipe oder auf den Pisten verbracht hatten und abends beiläufig erfuhren, dass tasgüber „der Pass zu war“.
Wer nicht raus will, den stört auch die Straßensperre nicht – im Gegenteil, die Tagesgäste bleiben aus und auf den Pisten ist mehr Platz, denkt da mancher. Und insgeheim keimt ja vielleicht bei manch einem die Hoffnung auf einen unerwarteten zusätzlichen Skitag auf . Lediglich die Kassen der Liftgesellschaften klingeln dann ein wenig leiser…
Trotzdem kam es an solchen Tagen  natürlich hier und da zu Engpässen bei der Bettenkapazität, die sich auch nicht nach Tinder-Art durch beschleunigte Kontaktanbahnung und anschließende Doppel-Belegungen erledigen ließen. Für solche Situationen gab es dann aber stets eine ausreichende Anzahl von Notbetten, und ich erinnere mich an eine ganze Omnibus-Reisegesellschaft, die kurzerhand in der  „alten“ Hohen Welt zwischen Oberlech und Lech untergebracht werden musste (und konnte). Und eine örtliche Turnhalle gab`s ja auch noch…..
 
Aber wer ist auch schon so vermessen, um 9 Uhr am Samstagmorgen anzureisen, bevor die letzten „Abreisen“ um 12 Uhr ihre Zimmer geräumt haben …(„eine halbe Stunde geb ich Ihnen noch…“ – O-Ton einer erstmals anreisenden Dame in Oberlech) . Solchen Gästen gehört`s nicht besser…….
Dümmer siehts es schon aus, wenn man morgens für einen spontanen Kurzurlaub anreist in der Hoffnung, schnell sein Quartier aufzusuchen, um dann möglichst bald die ersten Schwünge zu wagen und sich kurz vorm Ziel plötzlich ausgebremst sieht…..
So ist`s mir mal passiert, als ich gegen 10 Uhr am Vormittag mit meinem Freund Fiete G. spontan aus Richtung Bodensee kommend den Arlberg erreichte fast hatte und wir den Flexenpass gesperrt vorfanden. Durch den Tunnel und dann über St.Christoph, fragte mein Begleiter, aber das konnte man allein schon wegen des zeitraubenden Umwegs getrost vergessen, und auf der anderen Seite war der Pass mit Sicherheit ebenfalls geschlossen. Ausserdem..
                     „Die Hoffnung stirbt zuletzt“
und so endete die Fahrt zunächst auf dem Parkplatz der Sonnenkopf-Bahn in Klösterle. Meine Ski standen zwar zu allem Übel (wie so oft in jenen Jahren) von den vorausgegangenen Spontan-Aufenthalten im Skikeller des Astoria in Oberlech, und so schien guter Rat teuer (oder zumindest mit Kosten verbunden).
Aber schnell stand die Lösung des Problems  fest: auf dem Parkplatz in eisiger Kälte rein in den Skianzug  und in die Skischuhe, ein paar Leihski waren rasch organisert, und die bis dahin noch unbekannten Sonnenkopf-Pisten waren unser Ziel! Das war dann immerhin eine durchaus erfreuliche Überraschung, denn das Gelände mit seinen Pisten aller Stufen hat –wie wir feststellten- durchaus seinen Reiz.
Am Abend war dann aber die Welt _sprich: die Zufahrt nach Lech- wieder in Ordnung und so konnten wir unser Quartier ansteuern – im Astoria warteten auf uns zunächst wie geplant  für die erste Nacht zwei Notbetten in der Sauna (wie so oft bei derlei Schnellschüssen jener Zeit!) und alles war in Ordnung. Drei traumhafte Skitage folgten, und ab und zu reden wir heute noch drüber…Fiete und ich haben zwar schon komfortabler übernachtet als in Annis Sauna, aber selten sind wir so zufrieden und entspannt eingeschlafen..,..Fiete über seiner Golf-Zeitschrift und ich mit dem „Uhrenjournal“.
Da war die Überraschung , die unser Hamburger „Pistenbegleiter“ Manfred S. und seine damalige „Lebensabschnittsgefährtin“ Ruth R. erlebten, schon weniger lustig. Hilfsbereit, wie Manfred und Ruth schon immer gewesen waren, hatten sie Arne und Christa Sch. aus Hamburg von Lech aus nach Stuben gebracht, wo man den beiden wenige Tage zuvor die Weiterfahrt nach Lech mit ihrem BMW verweigert hatte. Grund war gewesen: Es war den beiden trotz wortreicher Argumentation bei der Anreise nicht gelungen, die wachsamen Gendarmen davon zu überzeugen, dass –zumal für einen waschechten Hamburger- die Passhöhe auch mit Sommerreifen zu erklimmen sein würde. Schließlich hatte man doch seine Erfahrung vom Blankeneser Süllberg mit seinen 74,6 m Höhenmetern über NN!
Also war der BMW unten geblieben und die zahlreichen Hamburger Freunde leisteten Hilfestellung beim Transport der Gepäckstücke nach Lech. Und  dann auch  umgekehrt am Ende der geplanten Woche – nicht bedenkend, dass Schneefälle zuweilen plötzlich und unerwartet auftreten und der Pass dann aus (vorher noch) heiterem Himmel geschlossen sein könnte…..Den Rest will ich kurz machen: Christa und Arne verschwanden nach freundlichen Dankesworten in Richtung Hamburg, und Ruth und Manfred……standen  auf dem Rück-Weg zum Flexen plötzlich vor geschlossener Schranke
Na ja, es war ja noch früh am Tag, und so gab`s denn erstmal ein ordentliches Frühstück in der „Post“ in Stuben. Irgendwann würde sich die Schranke schon wieder öffnen…..
Das tat sie dann auch, ….aber leider erst zwei Tage (und Nächte) später!
Ruth und Manfred hatten in ihren Skianzügen nichts, aber auch gar nichts zum Überleben dabei ….ausser Mobiltelefon, Lecher Skipass und Kreditkarte . Zum Glück keine AmericanExpress, denn mit der kommt man in Österreich bekanntlich nur selten weiter…..
Aber auch das beruhigte die beiden nur wenig, denn was hilft die Kreditkarte, wenn es angesichts der Pass-Sperre kein freies Zimmer gibt, welches man damit bezahlen könnte. Andere Ausgesperrte hatten nämlich vorausschauend schneller vorgesorgt und Zimmer reserviert….
In Stuben nicht, in Langen nicht, erst in Kösterle wurden sie fündig und blieben dort wohl oder übel für zwei Nächte. Abendessen im Skianzug, Frühstück im Skianzug….und das ganze zwei Tage hintereinander- den Rest will ich mir sparen.
Doch wie so oft gab es auch hier Nutznießer der misslichen Situation: Manfreds 15-jähige Tochter Kerstin war nämlich am Morgen in Stubenbach im Appartement geblieben, und nach kurzer telefonischer Verständigung genoss sie gemeinsam mit unserer Tochter Swantje zwei Tage lang die „sturmfreie Bude“ – nur unwesentlich überwacht durch ein paar Bechler-Pflichtanrufe aus dem Astoria…
Dass es aber auch heftiger kommen kann, hatten Mitte Februar 2005 rund 15000 Arlberg-Skifahrer erlebt, als die Straßensperren mehrere Tage anhielten.Wegen akuter Lawinengefahr waren rechtzeitig zum fälligen „Bettenwechsel“ am Wochenende die Arlberg Straße, die Lechtal Straße und die Zufahrt vom Tiroler Lechtal gesperrt worden.
Immerhin: Die betroffenen Orte selbst seien in keiner Weise von Lawinen bedroht, auch für die eingeschlossenen Menschen bestehe keine Gefahr, versicherte damals Bürgermeister Ludwig Muxel von Lech.
„Wir haben hier etwa 10.000 Gäste, die sind draußen auf der Piste und auf den Loipen, die Stimmung ist gut.“ Die Straßensperre am Arlberg würde allerdings  nach Muxels Worten mindestens bis Dienstag aufrechterhalten bleiben. „Wir können erst am Montag entscheiden, wie wir weiter vorgehen.“ Es müsse abgewartet werden, bis eine Wetterbesserung eintrete und Hubschrauber(!) zur Einschätzung der Lawinenlage starten könnten.
Aber selbst wenn die Straßensperre einige Tage bleiben müsse –so hieß es- drohten keine Versorgungsengpässe. „Bis zu einer Woche ist das kein Problem“, beruhigt der Lecher Bürgermeister. Der Betrieb auf Pisten und Loipen sei seinen Angaben zufolge ohnehin nicht beeinträchtigt. Innerhalb des gesicherten Skiraumes könnten die Gäste gefahrlos ihren Urlaub genießen.Auch im Jahr 2012 galten eine Zeit lang ähnliche Bedingungen, als selbst über die Bahnstrecke („Arlberg-Bahn“) der Arlberg zeitweilig unerreichbar war.
Fazit: so einmalig und unwahrscheinlich scheint die schneebedingte Abgeschlossenheit denn wohl auch in der Gegenwart trotz aller Lawinenverbauungen und Tunnelstrecken nicht zu sein …..
Abschließend kann ich mir einen Kommentar „mit Augenzwinkern“ nicht verkneifen:
Für einige Gäste wurden Wuchers Helikopter an solchen Tagen offenbar zur letzten Hoffnung, einer klammheimlichen und diskreten Luxus-Wochenend-Falle unerkannt  zu entkommen und drohenden dramatischen Auswirkungen rechtzeitig zu begegnen: Gäste, die eigentlich gar nicht da waren, sollen plötzlich eine ungeahnte Kreativität und Großzügigkeit bei der Suche nach unabweisbaren  und dringlichen Gründen für einen Hubschrauberflug entwickelt haben! Die Lecher Orts-Saga berichtet von Fällen, in denen der Wettbewerb um (möglichst zwei!) verfügbare Hubschrauber-Plätze den Preis um weit mehr als 100% in die Höhe getrieben haben soll…..Rettungsflüge einer ganz besonderen Art offenbar!
Sei`s drum…auch dies gehört zur Realität des Arlbergs, dass die Unberechenbarkeit der Bergwelt bis heute die Beziehung zum Skilauf am Arlberg in der einen oder anderen Weise prägt…trotz Doppelmayr, Wucher und all den klangvollen Namen, die den Skilauf in den vergangenen Jahre geprägt haben. Und das ist auch gut so……
Euer Ekkehard „Ekki“ Bechler
Im Oktober 2017

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