Weitblick oder Größenwahn zwischen Kriegerhorn und Rüfikopf?

Stillstand überall – das ist die Erfahrung dieses Winters – für alle und überall. Jeden trifft es ein wenig anders und an allen Orten kommt es zu Erfahrungen ganz eigener Art….auch am Arlberg wie in nahezu allen Wintersport-Zentren. Ischgl -zumindest der zeitliche Ausgangspunkt des Corona-Dramas in den Skiorten- muss man da gar nicht in den Mittelpunkt stellen – Kritik am Ballermann der österreichischen Alpen hat es schon genug gegeben  und den Ort in Verruf gebracht – verständlich, teilweise zu Recht und nicht erst seit Corona. Schade um ein wundervolles Skigebiet – es wird schon eine Weile brauchen, bis die Narben auf dem Image des Ortes verheilt sind.

Dass jedoch auch der Vorzeigeort der österreichischen Wintersports Ende 2020 und im Winter 20/21 in den Mittelpunkt erstaunter oder gar ärgerlicher öffentlicher Berichterstattungen geraten ist, hat (endlich einmal!) überwiegend nicht mit Corona zu tun und auch nicht mit  „Greta“ !

Am Anfang etlicher Diskussionen vor Ort und im „Ländle“ stand immerhin  eine Diskussion auf  der sportlichen Ebene – so, wie es sich für die „Wiege es alpinen Skilaufs“ gehört. Man mag ja geteilter Meinung sein, ob die Planung  eines FIS-Rennens für eine Jahreszeit, die sogar im schneesicheren Lech  Schneemangel verspricht, wirklich so eine gute Idee war -Hackschnitzel zur Schnee-Konservierung,  Manharts Arlberg-Jet  und die unermüdlichen Organisatoren um Patrick Ortlieb und Stefan Jochum hatten jedenfalls  alle Mühe, dass wenigstens der zweite Anlauf nach etlichen Temperaturschwankungen und vielem Bangen über die Bühne ging …auf einem Hang, der alten Stammgästen -zumal nach kosmetischen Korrekturen durch die Planierraupe- als nicht gerade ehrfurchtgebietend, aber nach FIS-Einschätzung als „slalomgeeignet“  einzuschätzen ist. „Grüne Skeptiker“ gab es zudem von Anfang an genug. Aber wenn der FIS-Terminkalender nichts anderes zulässt und der „amtliche“ Segen der FIS in Aussicht steht…da stört dann auch ein ironischer Kommentar nicht, der (wohlweislich unveröffentlicht) den Event in die Nähe der norddeutschen Skihalle „Snowdome“  in der Lüneburger Heide rückte. Schneesicherheit, eine vergleichbare Hangneigung und eine lawinensichere Anreise durch benachbarte Autobahn A7  – so hieß es- seien dort jedenfalls gegeben. Ob der erhoffte Imagegewinn für Zürs und Lech vor diesem Hintergrund von Bestand sein wird…? Zum Schluss waren aber alle zufrieden…und mal ganz ehrlich: Österreichs Top-Skiregion ohne ein jährliches FIS-Rennen…irgendwie eine halbe Sache!

An anderer Stelle wurde der Lecher Erfolgsgeschichte der letzten Jahrzehnte zum Jahresende aber ein weniger harmonisches und in der regionalen Öffentlichkeit eher unerwartetes und unwillkommenes Kapitel hinzugefügt. Dabei hatte es sich für Kenner der Szene schon eine ganze Weile abgezeichnet. Nach 27 Jahren wurde der „etablierte“ Bürgermeister Ludwig Muxel bei den fälligen Wahlen zur Gemeindeversammlung vor die Tür gesetzt -und mehr noch: zum Nachfolger wurde mit Stefan Jochum der amtierende Lecher Standesbeamte und zugleich einer von Muxels langjährigen Vertrauten und Mitarbeitern gewählt. Da muss es Gründe gegeben haben für diesen spektakulären Schritt, denn -so wissen Insider- das Ende seiner politischen Karriere war von Muxel selbst ohnehin für die nähere Zukunft ins Auge gefasst worden, und Verdienste hatte Muxel zweifellos.

Schon einmal -bei den Wahlen 2015- schien es, als stehe Muxel kurz vor dem vorzeitigen Abschied. Neun von 15 Gemeinderäten waren  aus Protest zurückgetreten. Der Vorwurf gegen Muxels Amtsführung: Intransparenz vor allem bei der umstrittenen Bewilligung von Ferienwohnung für prominente und zahlungskräftige Interessenten – von denen manche  zum fraglichen Zeitpunkt offenbar noch nicht einmal als traditionelle Stammgäste in Erscheinung getreten waren!

Nur die Besonderheiten des Lecher Wahlrechts hatten damals eine mögliche  Machtverschiebung verhindert. Das einfache Lecher Mehrheitswahlrecht mit seinen (scheinbar!) basisdemokratischen Zügen gab jedem Bürger die Möglichkeit, den Namen seines Wunschkandidaten auf den Wahlzettel zu schreiben – nicht bedenkend, dass angesichts der Lecher Bevölkerungs- und Familienverhältnisse allzu leicht ein Name zwei oder mehr Bürgern der Gemeinde zugeordnet werden konnte. So auch 2015, als man nach der Stimmabgabe verblüfft feststellte, dass neben dem jetzigen Bürgermeister auch der namensgleiche hochbetagte Wirt der Lecher „Hubertusklause“ hätte angesprochen sein können…eine Entscheidung war damit vorläufig auf Eis gelegt..

All dies wurde jetzt durch einen aktuellen Vorgang unvermeidlich zutage gefördert, mit dem sich der etablierte Lokalpolitiker Muxel nach Meinung seiner Kritiker eine spektakuläres Denkmal hatten setzen wollte. Mitten im Dorf – auf dem Gelände des ehemaligen Postgebäudes und der Postgarage, gleich neben der Oberlechbahn- soll nach dem Planungsstand zum Zeitpunkt der Wahlentscheidung Ende 2020- für 38 Mio Euro eine Gemeindezentrum aus zwei mächtigen quaderförmigen Bauten entstehen- mit Dimensionen, die nach Ansicht zahlreicher Kritiker den bisher weltweit gerühmten dörflichen Charakter des Ortes endgültig zu zerstören drohten.Die Abbildung am Anfang des Textes und der Blick in die Baugrube vermitteln einen ersten Eindruck.

Lech Baustelle Gemeindezentrum

Aber nicht die Größenordnung dieser „Dorfrezeption“ alleine -so alsbald der Sprachgebrauch in der Gemeinde-  war es, die im Lauf des Jahres 2020 erstmals in der Nachkriegsgeschichte des Ortes organisierten Widerstand in Gestalt von  vier „Wahllisten“ entstehen ließ- ein Schritt, dem Muxel sich auf unterschiedlichste Weise entschieden entgegenzusetzen versuchte und der deutlich machte, dass sich hier so etwas wie eine förmliche  Opposition  zu etablieren begann.

Da gab es ja beispielsweise unter dem Stichwort „Schlössle“ die noch nicht allzu lange zurückliegende Immoblientransaktion mit dem Tiroler Investor René Benko, die Muxel erstmals offiziell unter Beschuss gebracht hatte.

Dieses Sahnestück unter den damals verfügbaren Lecher Immobilien -zwar in die Jahre gekommen, aber mit unwiederbringlicher Lage und Tradition-   hatte Benko vor weniger als 10 Jahren von der Gemeinde für mehr als 8 Mio Euro erworben, nicht ohne -so heisst es-für den Verzicht auf das Vorkaufsrecht der Gemeinde 250000.- € zu zahlen und eine weitere Viertelmillion für den „Verzicht auf das Ausjudizieren“ des Verfahrens.

Und um einen  Konflikte mit der auch von Muxel zumindest offiziell gewünschten Verhinderung von weiteren, zeitlich überwiegend  leerstehenden Ferienwohnungen in Lech (O-Ton Muxel noch vor wenigen Jahren: „Kalte Betten sind der Tod des Tourismus!“) gar nicht erst aufkommen zu lassen, wurde auf dem Gelände des „Schlössle“ kurzer Hand kein normales,  wenngleich aufwändiges Wohngebäude errichtet, sondern ein „Hotel“ oberhalb der 5-Sterne-Kategorie mit dem Namen „Chalet N“…in Anlehnung an Benkos Ehefrau Nathalie…

Dass Benko trotzdem bei einem eventuellen morgendlichen Frühstück in seinem „Hotel“ keine fremden Gesichter zu fürchten braucht, dafür sorgt schon der prohibitive Preis von 270 000.- pro Woche – für das ganze Haus, damit man unter sich bleiben kann – de facto also doch eine Ferienwohnung?

Und eben dieser René Benko tauchte  nun unvermittels wieder in Muxels Umfeld auf, als offenbar wurde, dass eine Beteiligung Benkos an der Errichtung des neuen Gemeindezentrums im Raum zu stehen schien. Nicht allein als Geldgeber vor dem Hintergrund Corona-bedingt schrumpfender Einnahmen der Gemeinde – dafür hätte man in der Gemeinde ja noch ein gewisses Verständnis gehabt-, sondern als Repräsentant seines Kaufhaus-Konzerns KaDeWe, der ein Auge auf die im Gemeindezentrum geplante Verkaufsfläche mit einer Größenordnung von rd. 2500 Quadratmeter geworfen hatte. Die erboste Reaktion des überraschten alteingesessenen Lecher Einzelhandels (und dazu auch das Stirnrunzeln in den Internet-Kommentaren der Lecher Stammgästen) ließen nicht lange auf sich warten und mögen sicher ihren Anteil gehabt haben an der Mehrheit von 53% für die erfolgreiche Kandidatur des Stefan Jochum.

Schon lange vor Beginn der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie hatten landesübergreifende Pressemeldungen über die gerichtsnotorischen Geschäftspraktiken des René Benko Kritik an dem unübersehbaren Schulterschluss zwischen Muxel  und Benko hervorgerufen. https://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/130967260

Da mag es vor diesem Hintergrund doppelt leichtsinnig erscheinen, wenn Muxel sich auf das Glatteis juristisch angreifbarer Entscheidungen begeben hat – geschützt allenfalls durch die vage Ausnahmeregelung  der  „besonders berücksichtigungswürdigen Gründe“ des Vorarlberger Raumplanungsgesetzes, welches indessen gerade in diesem Punkt in neuerer Zeit novelliert worden ist.

Dieser „Joker“ bei der Durchsetzung gewünschter Entscheidungen hatte Muxel auch nicht vor staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen geschützt, als die Ferienwohnung des Sebastian Vettel zur Diskussion stand…. Die zugehörigen Zeugnisse des Lecher Erfindungsreichtums  finden sich im Internet unter 

https://vorarlberg.orf.at/v2/news/stories/2699333/

Und in diesen Unruheherd platzte dann gegen Ende des Jahres die Insolvenz des traditionsreichen Sport- und Modehauses Strolz, die sich allerdings nach Informationen des Verfassers schon im Spätsommer abgezeichnet hatte. Eine Ikone des Wintersports am Arlberg mit legendären Skistiefeln aus eigener Produktion, aber auch ebenso legendären Preisen hatte  frühzeitig die Folgen des vorzeitigen Endes der Skisaison 2019/2020 zu spüren bekommen und sodann offenbar die zu erwartenden Entwicklungen der kommenden Saison (vielleicht klug und vorausschauend ?) antizipiert. Die warnenden Worte der Geschäftsführerin Olivia Strolz gegen eine Etablierung des KaDeWe sind vor diesem Hintergrund nur zu verständlich.Und es entbehrt nicht einer gewissen Tragik, dass dies im Jahr des 120jährigen Bestehens das vorläufige Ende einer geschäftlichen Erfolgsgeschichte werden könnte.

Um so bewundernswerter nach all diesen unliebsamen Meldungen der unbeirrte Glaube an eine Rückkehr zu gewohnten lieb gewonnenen Verhältnissen – nicht nur bei den unmittelbar Betroffenen  sondern auch landesweit bei Einzelhandel, Hotels und Gastronomen und nicht zuletzt auch bei uns – den langjährigen Gästen in einem der schönsten Skigebiete der Welt!.

Auch wenn`s nicht zeitgemäß erscheint: Ski heil!

Ekkehard „Ekki“ Bechler

 

 

 

 

 

 

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